Ein kleiner Klumpen Birkenpech revolutionierte die Archäologie: Bei Ausgrabungen für den Fehmarnbelt-Tunnel fanden Forscher 2015 in Rødbyhavn auf Lolland einen unscheinbaren Fund – doch er enthielt die DNA einer Frau, die vor fast 6.000 Jahren an dieser Stelle lebte. Erstmals in der Geschichte konnte aus „nicht-menschlichem Material" ein komplettes Genom rekonstruiert werden.
Die sensationelle Entdeckung
Im Jahr 2015 führten Archäologen des Museum Lolland-Falster Voruntersuchungen für den Bau des Fehmarnbelt-Tunnels durch. Östlich von Rødbyhavn, in einem Gebiet namens Syltholm, stießen sie auf einen kleinen, unscheinbaren Klumpen – ein Stück gekautes Birkenpech, kaum größer als ein Daumen.
Die Archäologen ahnten bereits, dass solche Fundstücke DNA enthalten könnten – ähnliche Entdeckungen waren kurz zuvor in Schweden gemacht worden. Doch was folgte, übertraf alle Erwartungen: Forscher der Universität Kopenhagen unter Leitung von Hannes Schroeder und Theis Trolle Jensen extrahierten aus dem schwarzbraunen Klumpen ein vollständiges menschliches Genom – eine absolute Weltpremiere.
Wissenschaftlicher Meilenstein
Die Studie wurde am 17. Dezember 2019 im renommierten Fachjournal Nature Communications veröffentlicht. Es war das erste Mal in der Geschichte der Archäogenetik, dass ein vollständiges menschliches Genom aus etwas anderem als Knochen oder Zähnen gewonnen wurde. Das Genom wurde auf eine Sequenzierungstiefe von 2,3× sequenziert.
Der Fund in Zahlen
Wer war Lola?
Die Forscher tauften die Steinzeitfrau „Lola" – nach dem Fundort auf der Insel Lolland. Dank der außergewöhnlich gut erhaltenen DNA konnten sie ein erstaunlich detailliertes Bild dieser Person zeichnen, die vor fast 6.000 Jahren an der Südküste des heutigen Dänemark lebte.
Lolas Steckbrief
Lolas Aussehen mag für moderne Europäer überraschend wirken, war aber typisch für westeuropäische Jäger und Sammler jener Zeit: Die Kombination aus dunkler Haut, dunklem Haar und blauen Augen findet sich bei vielen steinzeitlichen Genomen aus dieser Epoche. Erst mit der Ausbreitung der Landwirtschaft aus dem Nahen Osten veränderte sich das Erscheinungsbild der Europäer.
Das Mikrobiom in Lolas Mund
Neben dem menschlichen Genom extrahierten die Wissenschaftler auch DNA von Mikroorganismen, die in Lolas Mund lebten. Die meisten identifizierten Bakterien waren harmlose Bewohner der Mundflora. Einige Befunde deuten jedoch darauf hin, dass Lola möglicherweise an Zahnfleischerkrankungen litt – das Bakterium Porphyromonas gingivalis wurde nachgewiesen.
Besonders interessant: Die Forscher fanden auch DNA des Epstein-Barr-Virus, das Pfeiffersches Drüsenfieber (Mononukleose) verursacht. Ob Lola zum Zeitpunkt des Kauens tatsächlich erkrankt war, lässt sich nicht sagen – heute sind über 90% der Weltbevölkerung mit diesem Virus infiziert, meist ohne Symptome.
Wissenschaftliche Bedeutung
Lolas DNA lieferte nicht nur Informationen über ihr Aussehen, sondern auch wichtige Erkenntnisse über den Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zur Landwirtschaft in Nordeuropa – eine der bedeutendsten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte.
„Es ist das erste Mal, dass wir ein ganzes Genom aus etwas anderem als Knochen oder Zähnen gewinnen konnten. Und das ist an sich schon bemerkenswert."— Prof. Hannes Schroeder, Globe Institute, Universität Kopenhagen
Eine Jägerin in der Bauernzeit
Lolas genetische Analyse zeigt keine Marker, die mit den neuen Ackerbauern in Verbindung stehen, die sich zu dieser Zeit nach Nordeuropa ausbreiteten. Sie war genetisch näher verwandt mit Jägern und Sammlern vom europäischen Festland (Luxemburg, Spanien) als mit solchen aus Zentralskandinavien.
Dies bestätigt die Theorie, dass eigenständige Populationen von Jägern und Sammlern länger als zuvor angenommen in der Region lebten – möglicherweise Seite an Seite mit den eingewanderten Bauern. Lola könnte eine der letzten Vertreterinnen dieser traditionellen Lebensweise gewesen sein.
Genetische Herkunft
Enger verwandt mit westeuropäischen Jägern und Sammlern als mit skandinavischen Populationen – ein Hinweis auf frühe Verbindungen über den Fehmarnbelt.
Laktoseintoleranz
Lolas Unfähigkeit, Milchzucker zu verdauen, war damals normal. Die Laktosetoleranz entwickelte sich erst mit der Viehzucht.
Kultureller Wandel
Der Übergang zur Landwirtschaft war kein plötzlicher Bruch, sondern eine langsame Koexistenz von Jägern und Bauern.
Das Geheimnis des Birkenpechs
Birkenpech (auch Birkenteer genannt) ist der älteste bekannte „Kunststoff" der Menschheit. Die schwarzbraune, klebrige Substanz entsteht, wenn Birkenrinde ohne Sauerstoffzufuhr erhitzt wird – ein Prozess, den möglicherweise bereits Neandertaler vor über 100.000 Jahren beherrschten.
Verwendung in der Steinzeit
In der Steinzeit diente Birkenpech primär als Universalkleber: zum Befestigen von Steinwerkzeugen an Holzschäften, zum Abdichten von Tongefäßen und zum Reparieren verschiedener Gegenstände. Das Material wird beim Erhitzen flüssig und härtet beim Abkühlen aus.
Archäologen finden regelmäßig Birkenpech-Stücke mit Zahnabdrücken – ein Hinweis darauf, dass das Material gekaut wurde. Die Gründe dafür sind vielfältig:
Warum wurde Birkenpech gekaut?
Praktische Gründe: Das Kauen macht ausgehärtetes Birkenpech wieder weich und geschmeidig für die Verwendung als Kleber.
Medizinische Gründe: Birkenrinde enthält Betulin, das antiseptisch wirkt. Vielleicht wurde Birkenpech bei Zahnschmerzen oder Zahnfleischproblemen gekaut.
Hygiene: Die antibakterielle Wirkung könnte zur Mundreinigung genutzt worden sein – eine Art „steinzeitliche Zahnpasta".
Genuss: Wie moderne Kaugummis könnte Birkenpech auch einfach zum Vergnügen gekaut worden sein.
Interessanterweise sorgte genau die antiseptische Eigenschaft des Birkenpechs für die außergewöhnliche DNA-Erhaltung. Die antibakteriellen Substanzen verhinderten den Abbau des genetischen Materials über Jahrtausende. Zudem ist Birkenpech hydrophob (wasserabweisend), sodass Umwelt-DNA kaum eindringen konnte.
Die Fundstätte Syltholm
Syltholm liegt östlich von Rødbyhavn auf der Insel Lolland – genau dort, wo heute der Fehmarnbelt-Tunnel gebaut wird. Die Fundstätte gilt als größte steinzeitliche Ausgrabungsstätte Dänemarks und hat bereits über 300.000 Funde aus der Steinzeit hervorgebracht.
Beginn der Voruntersuchungen
Das Museum Lolland-Falster startet archäologische Arbeiten im Zusammenhang mit dem geplanten Fehmarnbelt-Tunnel.
Fund des Birkenpechs
Archäologen entdecken den unscheinbaren Klumpen bei Ausgrabungen in Syltholm. Sie vermuten bereits, dass er DNA enthalten könnte.
Wissenschaftliche Sensation
Am 17. Dezember veröffentlicht das internationale Forscherteam die Ergebnisse in Nature Communications – weltweites Medienecho folgt.
LOLA!-Ausstellung eröffnet
Das Stiftsmuseet in Maribo präsentiert die Funde erstmals der Öffentlichkeit. Trotz Corona ein Besuchererfolg.
Das Tor zu Europa
Die Lage von Syltholm ist kein Zufall: Der südliche Teil Lollands war seit jeher Dänemarks Tor zu Mitteleuropa. Über den Fehmarnbelt – die schmalste Stelle zwischen den dänischen Inseln und dem europäischen Festland – kamen nicht nur Menschen, sondern auch neue Ideen und Technologien.
Die archäologischen Funde bestätigen diese Verbindung: Eine T-förmige Hirschgeweihaxt, die in Syltholm gefunden wurde, stammt vermutlich aus Norddeutschland oder wurde von dort inspiriert. Auch die ersten Haustiere – Schafe und Ziegen, ursprünglich aus dem Nahen Osten – erreichten Dänemark über diese Route.
Die LOLA!-Ausstellung besuchen
Seit 2020 können Besucher im Stiftsmuseet in Maribo (Teil des Museum Lolland-Falster) der Steinzeitfrau Lola begegnen. Die interaktive Ausstellung nimmt Sie mit auf eine Zeitreise durch 5.700 Jahre Geschichte.
Stiftsmuseet Maribo
Was erwartet Sie?
Die Ausstellung beginnt mit der Baustelle des Fehmarnbelt-Tunnels – dort, wo die archäologischen Funde gemacht wurden. Von dort führt der Weg in ein Steinzeit-Universum, das Lolas Welt und die folgenden 500 Jahre lebendig werden lässt: vom Urwald der Jäger bis zu den Feldern der ersten Bauern.
Insider-Tipp für Familien
Am Eingang erhalten Kinder Rätselbogen und UV-Lampen, mit denen sie versteckte Hinweise in der Ausstellung suchen können. Besonders beliebt ist auch die versteckte Ausstellung „Oh My God" (OMG) mit mittelalterlichen Kruzifixen – nicht viele Besucher finden sie!
Anreise von Fehmarn
Das Stiftsmuseet in Maribo ist ein perfektes Ziel für einen Tagesausflug von Fehmarn aus. Die Anreise über die Scandlines-Fähre ist unkompliziert und landschaftlich reizvoll.
Fähre Puttgarden-Rødby
45 Minuten Überfahrt, Abfahrten alle 30 Minuten. Ab 26,60 € für PKW mit bis zu 9 Personen (einfach, Online-Preis).
Von Rødby nach Maribo
Ca. 15 km auf der Route 9 nordwärts. Fahrzeit etwa 15-20 Minuten.
Gesamtzeit
Von Puttgarden bis zum Museum: Ca. 1 Stunde 15 Minuten (inkl. Fährüberfahrt).
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