Eine Zeitreise ins Mittelalter: Auf der Insel Møn verbergen sich in drei kleinen Dorfkirchen wahre Kunstschätze. Die Kalkmalereien des sogenannten „Elmelundemeisters" entstanden um 1480 und gehören zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Fresken Nordeuropas.
Der geheimnisvolle Meister
Niemand kennt seinen wahren Namen. Kunsthistoriker haben ihn nach der Elmelunde Kirche benannt, wo seine umfangreichsten und am besten erhaltenen Werke zu finden sind. Der Elmelundemeister war wahrscheinlich ein wandernder Kirchenmaler aus einer der großen Werkstätten des dänischen Ostseeraums, der um 1480 auf Møn arbeitete.
Sein künstlerischer Stil ist unverkennbar und hebt sich deutlich von anderen mittelalterlichen Kirchenmalern ab: lebendige Figuren mit individuellen Gesichtszügen, eine warme Farbpalette aus kräftigem Rot, erdigen Ockertönen und strahlendem Blau sowie eine bemerkenswerte Liebe zum Detail. Anders als viele seiner Zeitgenossen, die schematische Figuren malten, verlieh der Elmelundemeister seinen Darstellungen echte Emotionen – Freude, Furcht, Verzweiflung.
Kunsthistoriker vermuten, dass er von der nordeuropäischen Gotik beeinflusst war, möglicherweise mit Verbindungen zu deutschen oder norddeutschen Werkstätten. Sein Werk zeigt Einflüsse der Lübecker Malerschule, die im 15. Jahrhundert den Ostseeraum prägte. Einige Forscher sehen Parallelen zu Kalkmalereien in Kirchen auf Rügen und in Mecklenburg.
Der Elmelundemeister
Die Maltechnik
Der Elmelundemeister arbeitete in der traditionellen Technik der Kalkmalerei (al secco). Anders als bei der italienischen Freskotechnik, bei der auf feuchten Putz gemalt wird, trug er die Farben auf den bereits getrockneten Kalkputz auf. Die Pigmente wurden mit Kalk oder Kasein (einem Bindemittel aus Milcheiweiß) angerührt.
Seine Farbpalette bestand aus natürlichen Pigmenten:
- Rot: Eisenoxid (Rötel) und Zinnober
- Blau: Azurit – ein teures Mineral, das den Wohlstand der Auftraggeber bezeugt
- Gelb/Ocker: Natürlicher Ocker aus Eisenverbindungen
- Schwarz: Holzkohle für Konturen und Details
- Weiß: Kalk als Grundierung und Aufhellungsmittel
Die drei Kirchen
Der Elmelundemeister hinterließ seine Werke in drei romanischen Dorfkirchen auf Møn, die alle innerhalb weniger Kilometer zueinander liegen. Sie lassen sich bequem an einem Vormittag oder Nachmittag besuchen und bieten zusammen einen umfassenden Einblick in die mittelalterliche Kunst Nordeuropas.
Elmelunde Kirche
Die „Hauptkirche" des Meisters mit den umfangreichsten Malereien – daher auch sein Namensgeber. Die Kirche selbst stammt aus dem 12. Jahrhundert und wurde im gotischen Stil umgebaut, als die Fresken entstanden.
Highlights: Die gesamten Gewölbe und Wände sind mit biblischen Szenen bedeckt, von der Schöpfungsgeschichte über das Leben Christi bis zum Jüngsten Gericht. Besonders beeindruckend: die Darstellung der Sieben Todsünden mit fantasievollen Dämonengestalten sowie Adam und Eva im Paradies.
Adresse: Kirkebakken 9, 4780 Stege (Elmelunde)
Keldby Kirche
Eine der ältesten Kirchen auf Møn, deren Ursprünge bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Die Malereien hier gelten als die technisch ausgereiftesten des Meisters – möglicherweise sein Spätwerk.
Highlights: Außergewöhnliche Szenen aus dem Leben und Leiden Christi. Die Kreuzigungsszene ist von ergreifender Intensität. Besonders sehenswert ist auch die Darstellung der Heiligen Drei Könige in zeitgenössischer Tracht – ein faszinierendes Zeugnis der Mode um 1480.
Adresse: Keldbyvej 32, 4780 Stege (Keldby)
Fanefjord Kirche
Liegt malerisch auf einer Anhöhe mit atemberaubendem Blick über den Fanefjord und gilt als eine der schönsten Kirchen Dänemarks. Die romanische Kirche stammt aus dem 13. Jahrhundert.
Highlights: Neben biblischen Szenen zeigen die Fresken hier besonders viele Alltagsdarstellungen und Fabelwesen – Drachen, Meerjungfrauen, fantastische Mischwesen. Ein faszinierender Einblick in die mittelalterliche Vorstellungswelt zwischen christlichem Glauben und volkstümlichem Aberglauben.
Besonderheit: Der Blick vom Kirchhof über den Fanefjord ist ein beliebtes Fotomotiv.
Adresse: Fanefjordgade 51, 4792 Askeby
Faszinierende Motive
Die Fresken des Elmelundemeisters sind weit mehr als religiöse Kunst. Sie bieten ein Fenster ins Mittelalter, in die Vorstellungswelt, den Glauben und das tägliche Leben der Menschen um 1480. Der Meister verband biblische Erzählungen geschickt mit Szenen aus seiner eigenen Zeit.
Die wichtigsten Motive
Die Schöpfungsgeschichte: In Elmelunde erstreckt sich ein vollständiger Zyklus von der Erschaffung der Welt über Adam und Eva im Paradies bis zur Vertreibung. Die Schlange am Baum der Erkenntnis hat ein menschliches Gesicht – ein typisches mittelalterliches Motiv.
Das Leben Christi: Von der Verkündigung über die Geburt, Taufe und Wunder bis zur Kreuzigung und Auferstehung. Die Szenen in Keldby gelten als besonders ausdrucksstark.
Das Jüngste Gericht: In allen drei Kirchen finden sich Darstellungen des Weltendes – mit Christus als Weltenrichter, den Seligen im Himmel und den Verdammten in der Hölle.
Die Sieben Todsünden: Hochmut, Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit – dargestellt als von Dämonen getriebene Sünder. Ein Mahnmal für die Gläubigen.
Fabelwesen: Drachen, Meerjungfrauen, Greifen und fantastische Mischwesen bevölkern die Ränder der Fresken. Sie symbolisieren das Chaos außerhalb der göttlichen Ordnung.
Alltagsszenen: Bauern bei der Aussaat und Ernte, Musiker, Handwerker bei der Arbeit, Adelige in prächtigen Gewändern – das Leben im 15. Jahrhundert, eingefangen für die Ewigkeit.
Das Weltbild des Mittelalters
Die Fresken offenbaren das mittelalterliche Weltbild in seiner ganzen Komplexität: ein Universum, in dem Gott, Engel, Menschen, Tiere und Dämonen ihren festen Platz hatten. Der Himmel war nah, die Hölle real, und das Leben auf Erden nur eine Durchgangsstation zur Ewigkeit.
Für die weitgehend analphabetischen Gemeindemitglieder waren diese Bilder die „Biblia Pauperum" – die Bibel der Armen. Sie lehrten, ermahnten und trösteten zugleich. Jede Szene trug eine moralische Botschaft: Lebe gottesfürchtig, meide die Sünde, und dir wird das Paradies zuteil.
Besuchertipps
Alle drei Kirchen sind täglich geöffnet (in der Regel von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang) und frei zugänglich. Der Eintritt ist kostenlos, Spenden für den Erhalt der Kunstwerke sind willkommen.
Insider-Tipps für Ihren Besuch
Beste Besuchszeit: Am späten Vormittag (10–12 Uhr) fällt das Licht optimal durch die Fenster auf die Fresken. Vermeiden Sie graue, regnerische Tage – die Malereien wirken bei Sonnenlicht viel lebendiger.
Fernglas mitnehmen: Einige der faszinierendsten Details befinden sich hoch oben in den Gewölben. Mit einem Fernglas entdecken Sie Gesichtsausdrücke und feine Zeichnungen, die sonst verborgen bleiben.
Empfohlene Reihenfolge: Beginnen Sie in Elmelunde (umfangreichste Sammlung), fahren Sie weiter nach Keldby (technisch ausgereift), und enden Sie in Fanefjord (schönste Lage mit Panoramablick).
Zeit einplanen: Für alle drei Kirchen sollten Sie mindestens 2–3 Stunden einkalkulieren, um die Kunstwerke in Ruhe zu genießen.
Kombination: Die Kirchen lassen sich perfekt mit einem Besuch der Kreidefelsen von Møns Klint (15 km) oder der Altstadt von Stege (5 km) verbinden.
Erhaltung und Restaurierung
Die Fresken des Elmelundemeisters haben eine bewegte Geschichte hinter sich. Nach der Reformation 1536 wurden viele Kalkmalereien in dänischen Kirchen übertüncht – die protestantische Kirche lehnte bildliche Darstellungen anfangs ab. Paradoxerweise hat diese Übermalung die Werke geschützt.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Malereien wiederentdeckt und in aufwendiger Arbeit freigelegt und restauriert. Die jüngsten Restaurierungen fanden in den 1990er Jahren statt. Heute kümmert sich das Dänische Nationalmuseum um die Erhaltung dieser einzigartigen Kunstwerke.
Anreise von Fehmarn
Die Kirchen auf Møn sind ein perfektes Ausflugsziel von Fehmarn aus. Die Fahrt führt durch die schöne Landschaft Lollands und über die Brücke nach Møn.
Fähre Puttgarden-Rødby
45 Minuten Überfahrt, Abfahrten alle 30 Minuten.
Von Rødby nach Møn
Ca. 60 km über Maribo und Stege. Fahrzeit etwa 50 Minuten.
Gesamtzeit
Von Puttgarden nach Elmelunde: Ca. 1 Stunde 45 Minuten.
Mittelalterliche Kunst entdecken
Kombinieren Sie die Kirchenbesichtigung mit den Kreidefelsen von Møns Klint – nur 15 Minuten entfernt.
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