Ein Dorf wie aus einem Märchen: In Hesnæs an der Ostküste von Falster stehen Häuser, deren Wände und Dächer komplett mit Stroh bedeckt sind – ein Baustil, der nirgendwo sonst in Dänemark existiert. Entstanden aus einer Tragödie, erschaffen von einem visionären Architekten, bewahrt von einer alten Stiftung. Die Geschichte von Hesnæs ist ein faszinierendes Kapitel dänischer Kulturgeschichte.
Inhalt
Empfohlenes Bild: Panorama des Dorfes Hesnæs
Die charakteristischen strohverkleideten Häuser von Hesnæs am Hafen
Die Katastrophe, die alles veränderte
Hesnæs blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die erste dokumentierte Erwähnung des Ortes – damals noch „Hesnes" geschrieben – stammt aus dem Jahr 1551, als das Dorf bereits als Fischersiedlung bekannt war. 1585 erwarb die dänische Krone Hesnæs von Peter Gyldenstjerne – es gab damals 11 Fischerhütten und fünf Netzstände.
1771 kaufte der wohlhabende Industrielle Johan Frederik Classen vom nahegelegenen Gut Corselitze das Dorf. Um 1801 lebten hier 18 Fischerfamilien in lehmverputzten, weiß getünchten Häusern, die in Reihen am Ufer standen – mit Gärten dahinter und Feldern entlang des Baches Hesnæs Bæk. 1806 galt Hesnæs als die wichtigste Fischergemeinde auf ganz Falster.
Die Ostsee-Sturmflut vom 13. November 1872
In der Nacht vom 12. auf den 13. November 1872 ereignete sich das schwerste Sturmhochwasser, das die Ostsee je gesehen hat. Die Wasserstände stiegen auf über drei Meter über Normal – Rekordwerte, die bis heute unerreicht sind.
Die verheerenden Folgen: 271 Menschen starben, Tausende Häuser wurden zerstört, mehr als 10.000 Nutztiere ertranken. Auf Lolland und Falster brachen die Deiche, mehr als die Hälfte von Südfalster wurde überflutet. Allein auf Falster kamen 52 Menschen ums Leben.
Hesnæs traf es besonders hart: Fast das gesamte Dorf wurde von den Fluten zerstört. Nur ein einziges Gebäude überlebte – das gelbe Mastehus (Mastenhaus), in dem früher die Schiffsmasten aufbewahrt wurden. Dieses Gebäude steht noch heute und ist das älteste erhaltene Bauwerk des Ortes.
Erste Erwähnung
Hesnæs wird erstmals als Fischerdorf dokumentiert.
Übergang an Classen
Johan Frederik Classen erwirbt Hesnæs für das Gut Corselitze.
Die Katastrophe
Die Sturmflut vom 13. November zerstört fast das gesamte Dorf.
Wiederaufbau
Vilhelm Tvede entwirft einen einzigartigen Baustil für die neuen Häuser.
Neuer Hafen
Ein Hafen wird angelegt, um lokales Holz zu verschiffen.
Strohverkleidung
Gotfred Tvede ergänzt die Strohverkleidung der Außenwände.
Vilhelm Tvede: Der Architekt des Wiederaufbaus
Nach der Flutkatastrophe stand fest: Das Dorf sollte weiter oben, sicher vor künftigen Sturmfluten, wieder aufgebaut werden. Die philanthropische Stiftung Det Classenske Fideicommis, die das Gut Corselitze seit dem Tod Johan Frederik Classens 1792 verwaltet, beauftragte einen renommierten Architekten mit der Planung.
Vilhelm Tvede (1826–1891)
- Studierte an der Königlich Dänischen Kunstakademie unter Gustav Friedrich Hetsch
- Restaurierte die berühmte Vor Frue Kirke in Kalundborg (1867–1871)
- Restaurierte den Gänseturm (Gåsetårnet) auf Schloss Vordingborg (1871)
- Entwarf die Kirchen von Humlebæk (1868) und Vedbæk (1870–1871)
- Arbeitete jahrelang für Det Classenske Fideicommis
- Wurde 1871 zum Ritter des Dannebrogordens ernannt
Tvede entwickelte für Hesnæs einen völlig neuen Baustil – Dänemarks erste architektentworfenen Fischerhäuser. Seine Entwürfe kombinierten praktische Anforderungen mit ästhetischer Innovation: Fachwerkhäuser mit Strohdächern, horizontalen Stützstreben entlang der Fassaden und charakteristisch geschnitzten Fenster- und Türrahmen.
Die Häuser wurden mit Wohnquartieren an einem Ende und einem Stall am anderen Ende konzipiert – typisch für ländliche Fischergemeinden dieser Zeit. Nach Tvedes Tod 1891 führte sein Sohn Gotfred Tvede (1863–1947) die Arbeiten fort. Er war es auch, der 1919 die entscheidende Ergänzung vornahm: die Strohverkleidung der Außenwände.
Empfohlenes Bild: Detail eines Strohhauses
Nahaufnahme der strohverkleideten Fassade mit geschnitztem Fensterrahmen
Was die Häuser so einzigartig macht
Die „Hesnæs-Häuser" – wie sie heute genannt werden – sind ein architektonisches Unikat. Während es in ganz Dänemark Reetdachhäuser gibt, existiert diese spezielle Kombination aus strohverkleideten Wänden und Dächern nirgendwo sonst im Land.
Strohverkleidete Wände
Die Außenwände sind mit einer Strohschicht (Reet) verkleidet, die als zusätzliche Isolierung gegen Wind und Kälte dient.
Geschnitzte Rahmen
Charakteristische, kunstvolle Schnitzereien zieren die Fenster- und Türrahmen – ein Markenzeichen von Tvedes Entwurf.
Horizontale Streben
Entlang der Fassaden verlaufen horizontale Stützstreben, die dem Fachwerkbau zusätzliche Stabilität verleihen.
Einheitliches Ensemble
Alle Häuser wurden zur gleichen Zeit nach demselben Plan gebaut – ein harmonisches Gesamtbild, das bis heute erhalten ist.
Heute stehen noch etwa 27 dieser historischen Strohhäuser in Hesnæs. Die meisten gehören nach wie vor dem Gut Corselitze (Det Classenske Fideicommis), das einen lokalen Plan zur Erhaltung des besonderen Baustils und der einzigartigen Umgebung durchgesetzt hat.
Die Havnefogedbolig: Meistfotografiertes Gebäude auf Falster
Das alte Hafenmeisterhaus an der Südseite des Dorfes gilt als das meistfotografierte Gebäude auf ganz Falster. Die malerische Lage am Hafen, umrahmt von der einzigartigen Stroharchitektur, zieht Fotografen und Instagram-Besucher gleichermaßen an.
Ab Fähre Rødby
Ca. 45 Minuten über Route 9 und Route 153