Kalter Krieg Relikte

Die geheimen Sprengkammern der Fehmarnsundbrücke

Mai 2024 5 Min. Lesezeit Fehmarnsund, Schleswig-Holstein

Sechs Sprengschächte, ein Kontrollbunker in Heinrichsruh und ein Plan für den sowjetischen Angriff: Die verborgene Geschichte eines der bekanntesten Bauwerke Norddeutschlands – täglich überquert von Tausenden, fast niemandem bekannt.

Wenn Sie das nächste Mal über die majestätische Fehmarnsundbrücke fahren – den ikonischen „Kleiderbügel" zwischen Festland und Fehmarn – werfen Sie einen Blick auf die Fahrbahn. Sechs unscheinbare, quadratische Asphaltflicken verraten eines der bestgehüteten Geheimnisse des Kalten Krieges in Schleswig-Holstein.

Eine Brücke, gebaut für den Frieden – vorbereitet für den Krieg

Am 30. April 1963 wurde die Fehmarnsundbrücke feierlich eröffnet. Sie war das Herzstück der Vogelfluglinie, jener legendären Verbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen, die ein Jahrhundert Planungsgeschichte hinter sich hatte. König Frederik IX. von Dänemark und Bundespräsident Heinrich Lübke durchschnitten gemeinsam das Band – ein Symbol der europäischen Zusammenarbeit, nur 18 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Doch was die jubelnden Menschenmengen nicht wussten: In die landseitige Rampe der Brücke waren bereits sechs Sprengschächte eingebaut worden. Im Ernstfall – einem sowjetischen Angriff auf Westeuropa – hätte die Brücke innerhalb von Minuten gesprengt werden können.

🔒
Geheime Verteidigungsmaßnahme

Die vorbereitete Sperre

Die Sprengschächte der Fehmarnsundbrücke waren Teil eines bundesweiten Systems von rund 4.812 vorbereiteten Sperren, die im Verteidigungsfall den Vormarsch des Warschauer Pakts verlangsamen sollten. Allein in Schleswig-Holstein gab es 1989 insgesamt 18 Wallmeistertrupps, die für Wartung und Kontrolle dieser geheimen Anlagen zuständig waren.

Die Zuständigen arbeiteten in Zivilkleidung, fuhren unauffällige graue Kleinbusse mit Wechselkennzeichen und gaben sich bei Nachfragen als Mitarbeiter des Straßenbauamts aus.

So hätte die Sprengung funktioniert

Die sechs Sprengschächte befanden sich in der aufgeschütteten Rampe auf der Festlandseite der Brücke. Mit einem Durchmesser von etwa 60 Zentimetern und einer Tiefe von vier bis sechs Metern waren sie perfekt getarnt – die Deckel erinnerten an gewöhnliche Kanaldeckel, waren allerdings mit einer charakteristischen Sechskantschraube in der Mitte versehen.

6
Sprengschächte
In der landseitigen Rampe der Brücke eingebaut
~1 km
Entfernung zum Bunker
Das Sperrmittelhaus in Heinrichsruh
92 cm
Deckeldurchmesser
Gewicht: etwa 150 kg pro Deckel
~1,8 t
Sprengstoff (geschätzt)
TNT-Käseladungen DM-41 à 25 kg

Im Ernstfall wären die Schächte mit sogenannten „Käseladungen" bestückt worden – 25 Kilogramm schwere, runde TNT-Pakete mit einem Durchmesser von 51 Zentimetern, die tatsächlich an einen Käselaib erinnerten. Pro Meter Schachttiefe rechnete man mit etwa 100 Kilogramm Sprengstoff. Das komplette Laden aller Schächte hätte etwa 90 Minuten gedauert.

Die Sprengung selbst wäre über eine vorinstallierte Kabelverbindung vom Sperrmittelhaus in Heinrichsruh ausgelöst worden – einem kleinen Bunker, der etwa einen Kilometer entfernt im Hinterland stand. Dort lagerten Sprengstoff, Zündkabel und das gesamte benötigte Zubehör hinter drei massiven Türen – die dickste davon 30 Zentimeter stark.

Das Sperrmittelhaus in Heinrichsruh

In dem kleinen Ort Heinrichsruh, einem Ortsteil von Großenbrode, steht noch heute der ehemalige Sprengmittelbunker. Von außen unscheinbar, war er das Herzstück der Sprengvorbereitungen für die Fehmarnsundbrücke. Heute liegt er verlassen in der Landschaft – ein stiller Zeitzeuge einer Epoche, in der das Undenkbare jederzeit hätte eintreten können.

📍

Insider-Tipp: Den Bunker besuchen

Der alte Sprengmittelbunker ist heute frei zugänglich und ein beliebtes Ziel für Geschichtsinteressierte. Auf dem Dach befindet sich eine Bank mit herrlicher Aussicht über die Landschaft bis hin zur Brücke. Achtung: Der Weg nach oben ist provisorisch – festes Schuhwerk empfohlen!

Lage: Etwa 1 km südlich der Fehmarnsundbrücke, nahe dem Ferienhof Heinrichsruh. Ideal kombinierbar mit einer Wanderung entlang der Steilküste von Großenbrode.

Die geheimen Wächter: Die Wallmeister

Für die Wartung und Kontrolle aller vorbereiteten Sperren war eine spezielle Einheit der Bundeswehr zuständig: die Wallmeister. Diese Pionierfeldwebel mit Zusatzausbildung zum Bautechniker waren die einzigen, die genau wussten, wo sich die geheimen Sprengschächte befanden und wie sie funktionieren würden.

„Wir nutzten graue Kleinbusse mit Wechselkennzeichen und trugen Zivilkleidung. Das war natürlich beabsichtigt – so waren wir entsprechend gut getarnt, wenn wir draußen unterwegs waren."

— Stabsfeldwebel Jürgen Siedentopf, einer der letzten Wallmeister

Die Wallmeister führten mindestens zweimal jährlich Kontrollen durch: Schrauben fetten, eventuelle Beschädigungen dokumentieren, Wasserabfluss prüfen. Bei Nachfragen von neugierigen Bürgern gaben sie sich als Mitarbeiter des Straßenbauamts aus. Ihre Tätigkeit unterlag strenger Geheimhaltung – selbst viele Bundeswehrangehörige wussten nichts von ihrer Existenz.

Die NATO-Strategie hinter den Sperren

Die vorbereiteten Sperren waren Teil der NATO-Strategie der „Vorneverteidigung". Im Falle eines sowjetischen Angriffs sollten Sprengungen an strategisch wichtigen Punkten den Vormarsch des Warschauer Pakts verlangsamen und kanalisieren – lang genug, um Verstärkung heranzuführen.

Die Fehmarnsundbrücke hatte dabei eine besondere Bedeutung: Sie war das einzige Nadelöhr zwischen dem deutschen Festland und Fehmarn – und damit zur strategisch wichtigen Vogelfluglinie nach Skandinavien. Eine Zerstörung der Brücke hätte jeden schnellen Vormarsch nach Norden unmöglich gemacht.

1956/57

Gründung der Wallmeisterorganisation

Die Bundeswehr etabliert ein geheimes Netzwerk zur Wartung und Kontrolle vorbereiteter Sperren.

1963

Eröffnung der Fehmarnsundbrücke

Die Brücke wird eingeweiht – mit bereits eingebauten Sprengschächten in der Rampe.

1966

4.812 Sperranlagen bundesweit

Etwa 60% sind fertiggestellt, der Rest soll bis Ende 1967 folgen.

1989

Fall der Mauer

Mit Ende des Kalten Krieges verlieren die Sperren ihren strategischen Zweck.

1990er

Beginn des Rückbaus

Die Sprengschächte werden bei Straßensanierungen verfüllt und verschlossen.

Was heute noch sichtbar ist

Die Sprengschächte der Fehmarnsundbrücke wurden inzwischen verfüllt und versiegelt. Doch die Spuren sind noch immer erkennbar: Sechs quadratische Asphaltflicken in der Fahrbahn der landseitigen Rampe markieren die Stellen, an denen einst die Schächte eingebaut waren.

Wer genau hinschaut, kann sie entdecken – unscheinbare Rechtecke, etwas dunkler als der umgebende Asphalt. Täglich rollen Tausende von Fahrzeugen darüber, auf dem Weg zur Fähre nach Skandinavien oder zurück. Die wenigsten ahnen, welche Geschichte unter ihren Reifen liegt.

👀

So finden Sie die Asphaltflicken

Die ehemaligen Sprengschächte befinden sich in der landseitigen Rampe, also auf der Festlandseite der Brücke (Richtung Großenbrode). Sie sind als leicht unterschiedlich gefärbte, quadratische Flicken im Asphalt erkennbar.

Tipp: Zu Fuß oder per Fahrrad über den Rad- und Fußweg der Brücke können Sie die Stellen in Ruhe betrachten – aber bitte nicht auf der Fahrbahn stehenbleiben!

Ein Mahnmal des Kalten Krieges

Die Sprengkammern der Fehmarnsundbrücke sind mehr als nur ein technisches Kuriosum. Sie sind ein Mahnmal einer Zeit, in der Europa am Rande eines Atomkriegs stand. Einer Zeit, in der Ingenieure Brücken bauten und gleichzeitig deren Zerstörung planten.

Heute, mehr als 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, erinnern nur noch diese unscheinbaren Asphaltflicken an die Bedrohung von damals. Die Fehmarnsundbrücke steht seit 1999 unter Denkmalschutz – als Symbol der europäischen Einigung, aber auch als stummer Zeuge einer geteilten Welt.

Wenn Sie das nächste Mal über die Brücke fahren, nach Skandinavien oder zu einem Tagesausflug nach Dänemark, denken Sie vielleicht einen Moment an diese Geschichte. An die Wallmeister, die im Verborgenen arbeiteten. An die Strategen, die das Undenkbare planten. Und daran, wie viel Glück wir hatten, dass diese Sprengschächte niemals geladen werden mussten.

Entdecken Sie die Vogelfluglinie selbst

Fahren Sie über die historische Fehmarnsundbrücke und erleben Sie die legendäre Fährverbindung nach Dänemark – jeden Tag, alle 30 Minuten.

Jetzt Fähre buchen